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Durch Dörtes und später Imkes privater Krabbelgruppe sind Kontakte im Dorf geknüpft worden, die heute noch bestehen. Imke hat im Kindergarten des Dorfes durch die zusätzliche Erzieherin (erst durch ABM finanziert, danach durch Arbeit statt Sozialhilfe) gelernt, mit den gleichaltrigen Kindern zu spielen. Die Kinder des damaligen Kindergartens wissen heute noch, Imke zu nehmen, können sie einschätzen, hören genauer hin, wenn sie erzählt, weil sie wissen wollen, was sie ihnen mitzuteilen hat. Nach drei Jahren Kindergarten (Integration) gab es Schwierigkeiten:
In dem Vorschulspielkreis der Kirche, den auch Dörte besucht hatte, sah sich die neue Leiterin nicht in der Lage, zusätzlich zu dem neuen Kindergarten noch ein behindertes Kind aufzunehmen. So ging Imke ein Jahr in die Tagesbildungsstätte der Lebenshilfe. Imke hat dort zuerst sehr viel Unsinn gemacht:
Als ich ein Kind aus ihrer Kindergartengruppe fragte: "Na, wie geht es Dir denn so in der Schule?" antwortete der Junge: "Ich muss immer daran denken, dass Imke nicht da ist - warum konnte sie denn nicht auch in unsere Schule kommen?" Dieser Satz hat mir Sicherheit gegeben, dass nicht nur Imke von integrativer Erziehung "profitiert", sondern dass auch die anderen Kinder für sich etwas gewinnen.
Axel Wielands Ausspruch: "Imke gehört in eine Integrationsklasse" hat mich bewogen, viele Informationsveranstaltungen über Integrationsklassen zu besuchen. Die Grundschule in der Uhlandstraße in Hannover hatte eine Integrationsklasse. Der Unterricht, das Lernklima, das Verhalten der Kinder und Lehrer haben mich überzeugt, dass die Integrationsklasse sinnvoll und für Imke im Kirchlintler Raum erstrebenswert ist.
Als Imke in der Lebenshilfe war, erwies es sich als äußerst schwierig, die Kontakte zu Kindern ihrer ehemaligen Kindergartengruppe aufrecht zu erhalten. Imkes sich steigernde Vorliebe für Kuchen, ihre Trägheit und ihre Weigerung, etwas zu lernen, hatten Auswirkungen auf das Familienleben. Mir ging es gesundheitlich nicht besonders gut - Michael hatte ständig Mittelohrentzündungen. Unsere Arztbesuche häuften sich in dem Jahr bei dem zur damaligen Zeit zweijährigen Michael, bei Dörte und bei mir.
Wir hatten das Gefühl, Imke gehörte im Dorf nicht mehr richtig dazu, abseits gestellt. Oft waren die anderen Kinder schon verabredet. Einziger beständiger Kontakt blieb das Kinderturnen in der Turnhalle des Schulzentrums.
Trotz der vielfältigen Aktivitäten, die die ErzieherInnen in der Lebenshilfe entfalteten, stand sie für uns irgendwie am Rande und war nicht richtig "mitten im Leben drin".
Als Imke in Luttum in der Grundschule eingeschult war, schien auf einmal die Sonne! Imkes Begeisterung für alles, was in der Schule geschah, strahlte in das Familienleben hinein. Es wurde leichter. Wir freuten uns alle mit ihr und über sie. Auf die Fragen der Dorfbewohner "Und wie geht es Imke?" konnten wir immer nur erfreuliche Dinge berichten. Imke war mit enormen Eifer dabei, Lesen und Schreiben und Rechnen zu lernen. Sie war ein fröhliches, aufgewecktes, selbstständiges Schulkind. Die Weglaufgeschichten waren vorbei. Bei dem Abschlusssingen eines Familienwochenendes im Niels-Stensen-Haus in Worphausen kam Imke zu spät. Alle hatten Platz genommen, wir hatten angefangen zu singen. Selbstbewusst lächelnd ging sie zielsicher mitten durch den Raum, streifte mit einer leicht lässigen Handbewegung ihren selbstgemalten Seidenschal nach hinten. So geradeaus schauend möchte ich Imke immer erleben dürfen!
Eine Krankengymnastin hatte in der I-Klasse hospitiert. Sie war von der guten Körperspannung und dem wachen "Allgemeinzustand" der drei Kinder mit Down-Syndrom begeistert.
Die gute allgemeine familiäre Situation trug dazu bei, auf einen Zeitungsartikel zu antworten, in dem Eltern für ein 15 Monate altes Kind mit Down-Syndrom gesucht wurden. Eigentlich wollten wir ja kein "behindertes" Kind - aber warum eigentlich nicht "mit Down-Syndrom"? Imkes schulischer Werdegang hat sich sicherlich positiv auf die Entscheidung zur Aufnahme für unsere Nadine ausgewirkt. Nadine ist jetzt schon fast vier Jahre bei uns und besucht ebenfalls den Kindergarten im Ort (Einzelintegration, über das neue KiTaG ist eine "Integrationshelferin" für 12 Stunden mit im Kindergarten als Fachberaterin.)
Mich hat gefreut, dass bei dem "in die Wege leiten" der "Einzelintegration über das KiTaGesetz" die MitarbeiterInnen der Gemeindeverwaltung und auch der Gemeinderat sich zur Integration Behinderter positiv in Kindergarten und Schule geäußert haben.
Angesichts steigender öffentlicher Behindertenfeindlichkeit und von Ausschreitungen eine Begebenheit, die ich den Kirchlintlern hoch anrechne.
In der 3. Klasse hatte Imke eine schwierige Zeit. Sie nahm aus unerklärlichen Gründen innerhalb von drei Monaten zehn Kilogramm zu, hatte Schwierigkeiten beim Lernen. Sie konnte z.T. auf einmal Dinge nicht mehr, die sie in der ersten Klasse gewußt hatte. Gezielte Krankengymnastik und Schilddrüsenhormon, vor allem aber viele positive Erlebnisse in der Schule und nachmittags mit den SchulkameradInnen haben diese Phase vorübergehen lassen. Jedem, der sie gefragt hat, berichtete sie stolz aus ihrer Schule, von ihrer Klassen- und ihrer Mathelehrerin.
Als Imke in die 6. Klasse der Orientierungsstufe ging, war es faszinierend zu erleben, wieviel Motivation durch all' das Neue Imke für ihr ganzes tägliches Leben gewann. Gut gelaunt über das, was im Englisch-Unterricht so toll war und dass sie die Hausaufgaben schon allein fertig hat, räumte Imke unaufgefordert die Spülmaschine ein bzw. aus oder fegte die Küche aus.
Mit einem behinderten Kind wird man von den Augen der Öffentlichkeit noch genauer beobachtet als ohne auffälliges Kind.
Es ist angenehm, in der Öffentlichkeit, sei es Einkaufen, Spazierengehen, Kirche, angesprochen zu werden und, wenn die Tochter reagiert, so auskunftsbereit zu sein über all' das, was "in Schule vorgeht".
Ich denke, es ist für das Erlernen eines menschlichen Zusammenlebens in der Gesellschaft wichtig, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf (Körperbehinderte, Lernbehinderte, Geistigbehinderte . . .) so weit wie möglich und wenn von den Eltern gewünscht in allgemeinbildenden Schulen ihren zusätzlichen Förderbedarf erhalten.
Sie müssen sich nicht ausgestoßen fühlen, sondern können lernen, sich mit ihren eigenen Defiziten in der Gesellschaft zu behaupten. Die Mitschüler lernen Menschen, die anders sind, in ihrem Anderssein zu akzeptieren, sei es eine andere Nationalität, eine andere Hautfarbe oder auch Menschen mit Behinderungen, mit unterschiedlichen Religionen sowie unterschiedlicher Muttersprache.
Ich bin von Beruf Lehrerin, z. Zt. beurlaubt, weil ich 4 Kinder habe, darunter zwei mit Down-Syndrom. Für unsere Familie ist Integration ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Lebens:
Unsere 13jährige Tochter Imke ist in der 6. Klasse, einer I-Klasse in der Orientierungsstufe Kirchlinteln.
Unsere 6jährige Tochter Nadine ist im Rahmen einer Einzelintegration im Kirchlintelner Kindergarten.
Unser 10jähriger (nichtbehinderter) Sohn Michael geht in eine Integrationsklasse der Grundschule Luttum.
Unsere 16jährige Tochter Dörte erlebt und durchdenkt die Lebens- und Bildungswege ihrer Geschwister.
In meinem sehr persönlich gehaltenen Bericht sollen Sie erfahren, wie es gelungen ist, in einer Gemeinde im ländlichen Bereich den Weg der Integration für meine Kinder zu gehen. Diesen Weg hätte ich alleine nie bewältigt. Immer wieder haben mir Menschen geholfen, die vielen Widerstände zu überwinden.
Aber es sei auch an dieser Stelle gesagt, daß ohne dauernden Kampf, ohne die vielen (Telefon-) Gespräche und Tagungen der Weg, den unsere Familie gegangen ist, nicht möglich gewesen wäre.
Ich bin Mitglied derLandesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam leben - gemeinsam lernen (LAG) geworden, als es darum ging, meine Tochter Imke mit den Nachbarskindern in den örtlichen Kindergarten zu bekommen. Das war vor etwa 9 Jahren. Im Herbst 1995 feierte die LAG in Hannover ihr 10jähriges Jubiläum.
Die LAG "Gemeinsam leben - gemeinsam lernen" ist damit seit fast 10 Jahren Ansprechpartner für alles, was Integration betrifft. Sie ist keine starre Organisation, sondern besteht aus vielen engagierten Menschen im Land Niedersachsen.
Irgendwo ist immer jemand, der Tips geben kann und weiterhilft, sei es bei Integration im Kindergarten, in der Schule, oder auch wenn es um die Überlegungen für neue Formen in der Berufsausbildung und den Beruf geht.
An dieser Stelle möchte ich allen, die uns bis jetzt so tatkräftig unterstützt haben, einen großen Dank sagen für die viele Zeit und Mühe, die sie aufgewendet haben. Auf örtlicher Ebene habe ich viel Unterstützung durch die MitarbeiterInnen der Gemeinde Kirchlinteln erfahren.
Gleichzeitig möchte ich aber alle bitten, uns Eltern behinderter Kinder auch weiterhin zu helfen! Wir brauchen tatkräftige Unterstützung, wenn es darum geht, die Integration in Kindergärten und Schulen auszuweiten sowie neue Wege in Beruf und Berufsausbildung zu erschließen . . .

Erstaunliche und für sie überraschende Erlebnisse hat die Englischlehrerin mit Julia und Imke. In der Klasse wird beim Spiel "Viereckenraten" das Vokabelwissen abgefragt; sehr oft ist hier Julia (ebenfalls ein Mädchen mit Down-Syndrom) Siegerin. Und vor kurzem führte die Lehrerin das Buchstabieren ein, sie erklärte das englische Alphabet. Anschließend wurde in einem weiteren Spiel das Buchstabieren auf englisch geübt und zwar mit den Vornamen der Kinder. Zur Überraschung der Lehrerin gelang es Imke fünfmal, zuerst Namen richtig zu buchstabieren. Auch sonst gibt es immer wieder Phasen, in denen die Kinder mit Down-Syndrom am allgemeinen Englischunterricht aktiv teilnehmen können.
In Deutsch ist die Lektüre "Rokal, der Steinzeitjäger" für Imke so interessant, dass sie sie am liebsten allein lesen will. Imke und ich lesen gemeinsam, kompliziertere und längere Wörter lese ich, bei einigen anderen helfe ich ihr. Ich hätte es nie für möglich gehalten: Die Lehrerin für Textiles Gestalten hat es innerhalb kurzer Zeit geschafft, Imke das Stricken beizubringen.
Es tut gut zu hören, mit wieviel Freude die LehrerInnen und die Erzieherin die behinderten Kinder in der Klasse unterrichten. Schwierigkeiten bereiten dabei manchmal nur einige Jungen durch ihr ungestümes, störendes Verhalten im Unterricht.
Mit Begeisterung ist Imke bei der Theater-AG, an der SchülerInnen aus dem 5. und 6. Jahrgang der Orientierungsstufe teilnehmen können. Sie kennt viele Kinder aus den Parallelklassen und den höheren Klassen zum Teil noch aus dem Kindergarten und verabredet sich sehr oft. Einmal wollte sie ein Kind ihrer Klasse besuchen, das ich nicht kannte, die Eltern waren mir auch unbekannt. Die Mutter von Imkes Freundin fragte, ob sie etwas Besonderes beachten müßte. Ich entgegnete ihr: "Wenn die beiden Mädchen allein zur nahegelegenen Eisfläche wollen, kann ich das verantworten. Imke kann nicht sehr gut mit ihren Gleitschuhen umgehen, sie wird es merken und sie wieder abmachen." Dieser Nachmittag ist allen Beteiligten als sehr erfolgreich in Erinnerung. Als einige Klassen vor kurzem zum Eislaufen nach Bremen fuhren, war meine Erwartung, daß Imke sich mit Schlittschuhen nicht aufs Eis wagen würde.
Doch auch hier gelang etwas Erstaunliches: Durch das Vorbild der MitschülerInnen angespornt, wagte sie es und ließ sich von LehrerInnen und SchülerInnen anfassen und ziehen. Ihr Gleichgewicht wurde immer besser und nach zwei Stunden konnte sie schon einige Meter alleine gleiten. Interessieren Sie sich dafür, wiedas erste Zeugnis in der OS ausgesehen hat, klicken Sie bitte hier!
1996 Am Ende der OS-Zeit verändert sich Imke
Je näher die Schullaufbahnempfehlung im 6. Schuljahr kam, umso mehr beginnt ein schleichender Prozess der Veränderung bei Imke. Sie merkt, wie ihre besten Freundinnen sich darüber unterhalten, welches Gymnasium sie besuchen wollen und werden.
Sie spürt, dass in dieser Klasse Veränderungen anstehen. Wir sind in Kirchlinteln in einem Schulzentrum, wo sich nach Klasse 6 der schulische Weg bei den Kindern teilt. Hier zeigt sich für die I-Klasse auf dem Lande ein großer Nachteil:
Die Kinder bleiben nicht in einer Klasse zusammen, die Kerngruppe ist sehr klein.
Hinzu kommt, dass Imke sich in einen Jungen verliebt hat. Sie merkt aber, dass dieser Junge von den Anderen gehänselt wird, sie spürt jetzt zum ersten Mal genauer ihr Anderssein. "Ich kann nicht mehr zu I . . . . gehen", die anderen ärgern ihn dann", hat sie damals gesagt.
Im Frühjahr 1996 wird sie stiller, versinkt immer mehr in eine Traumwelt. Während unseres Aufenthalts im Disney-Land in Paris, auf den sie so sehr gewartet hatte, kann sie sich gar nicht mehr richtig freuen, nicht mehr voll dabei sein.
Ab Sommer 1996 besucht sie die Klasse 7 der Hauptschule Kirchlinteln. Sie interessiert sich nicht mehr so viel für die Schule, kann auch gar nicht mehr die Namen aller neuen KlassenkameradInnen aufzählen, das was früher für sie ein Leichtes war.
Ihre Traumwelt erweitert sich, sie kann nun teilhaben, indem sie direkt in das Geschehen ihrer Phantasiewelt eintaucht. Sie macht mit, sie ist Aladdin oder auch Käpten Hook.
Kurz vor Weihnachten kommen massive Ängst hinzu, sie sieht Tiere, die sie bedrohen. Wir Eltern fühlen uns nicht mehr in der Lage, Imke mit unseren Mitteln zu unterstützen und ihr beizustehen.
Wir machen es uns nicht leicht und entschließen uns für einen Krankenhausaufenthalt.
Von Mitte Januar bis Mitte Oktober 1997 lebt sie dann im Krankenhaus. Im Laufe der Zeit verliert sie ihre Ängste wieder, ist aber immer noch für längere Zeit in ihrer Traumwelt. Während des Krankenhausaufenthaltes haben wir sie jeweils ein Wochenende besucht, am anderen war sie zu Hause.
Wir waren mit den Ärzten und Betreuern nach langen Gesprächen einig, dass Imke nicht mehr in ihre alte Klasse zurückkehrt. Dieser Entschluss ist uns nicht leicht gefallen, denn er bedeutete, den Weg der Integration zu verlassen.
Seit Ende der Herbstferien bis Weihnachten ging Imke in die Tobias-Schule in Bremen. Es handelt sich um eine Waldorfschule für seelenpflege-bedürftige Kinder, in die sie auch schon vom Krankenhaus aus für einige Tag zur Probe gegangen ist.
Leider kann Imke dort nicht bleiben, die LehrerInnen meinen, dass sie eine kleinere Lerngruppe braucht. So sehen wir uns Anfang 1998 nach einer anderen Beschulungsmöglichkeit um.
Integration nur allein auf die Schule beschränkt ist unvollständig und nicht zufriedenstellend.
Kindergarten und Schule können aber einen wesentlichen Beitrag zu einem in der Gemeinschaft voll akzeptierten Leben geben, Grundvoraussetzungen schaffen.
Sei es der Besuch von öffentlichen Veranstaltungen in der näheren Umgebung, Teilnahme an Vereinsaktivitäten oder der normale Gang zum Bäcker, Kaufmann etc. der bei einer umfassenden Integration mit netten Treffen und Gesprächen einhergeht. Da ist es dann auch selbstverständlich, wenn zum Beispiel Mädchen mit DOWN-Syndrom an Jugendfreizeiten nach Holland, Schweden oder Schottland teilnehmen können.