Die Veeh-Harfe - ein bemerkenswertes Instrument
Geschichte und Entwicklung der Veeh-Harfe (von Hermann Veeh)

Die Veeh-Harfe (10 531 Bytes)Etwa zehn Jahre habe ich darüber nachgedacht, wie unserem behinderten Sohn Andreas (Down-Syndrom) ein Musikinstrument in die Hand gegeben werden kann, mit dem er auch richtige Lieder spielen könnte.

Dabei ist mir immer wieder die Akkordzither mit ihrem Unterlegblatt in den Sinn gekommen, die ich in meiner Kindheit kennenlernte.

Im September 1987 habe ich dieses Instrument in einem Musikladen in Rothenburg ob der Tauber gesehen, es aber vorerst noch nicht gekauft.
Mit Begeisterung habe ich meinem Andreas von dieser Entdeckung berichtet und ihm ein Blatt Papier vorgelegt. Ich habe ihm erklärt, wie die Noten unter den Saiten in der richtigen Reihenfolge verbunden sind und ihm einige solcher verbundener Noten aufgezeichnet.

Dabei habe ich erklärt, daß er sich jetzt die wunderschön klingenden Saiten vorstellen und versuchen soll, ob er die Linien verfolgen und an den betreffenden Notenstellen die Zupfbewegung machen kann. Dies hat er geschafft. Wir sind tags darauf nach Rothenburg gefahren und haben das Instrument gekauft.

Sofort habe ich erkannt, daß mit den dazu gekauften, auch mit "sehr leicht spielbar" bezeichneten Noten wenig anzufangen war. Dem ersten von mir geschriebenen Notenblatt für das "Phantom-Instrument" sind nun viele gefolgt. Viele davon sind aufbewahrt. Somit ist nachzuweisen, wie sich Schritt für Schritt alles weiter entwickelt hat.

Das erste Lied war "Bunt sind schon die Wälder". Es folgten bald Weihnachtslieder und Auftritte mit unbeschreiblicher Glückseligkeit unseres Andreas.

Ich selbst war zunächst sehr traurig, weil ich zehn verstrichene Jahre bedauerte, in denen diese große Chance ungenutzt war.

Bis zum Frühjahr 1987 hatten wir, wie bei der Zither üblich, mit dem Zitherring am rechten Daumen die Melodie gezupft und zwischendurch an den Stellen, an denen halbe, ganze und mit Punkten und Pausen verlängerte Noten standen, den dazu passenden Akkord mit dem linken Daumen gezupft. Wirkungsvoll hat sich auch das Einbeziehen der Gestik bewährt und zwar so, daß Andreas bei langen Notenwerten die zupfende Hand elegant angehoben hat, ähnlich wie er das im Fernsehen bei richtigen Harfeninstrumenten gesehen hatte.

Im Frühjahr 1987, es war ein schöner Sonntag Nachmittag, der mir unvergessen bleibt, habe ich mein Cello hervorgeholt und mit Andi Frühlingslieder gespielt. Er hat mich rücksichtsvoll begleiten lassen. Nach jedem neuen Lied ist er vor Freude hochgesprungen und hat mich umarmt.

Es war das Lied "Grüß Gott, du schöner Maien", bei dem ich probierte, ob Andi zugleich zwei Saiten zupfen kann, als Ersatz für Akkorde, die mir für zügiges Spiel hinderlich und kitschig erschienen, weil nicht den Originalsätzen entsprechend. Dieser Versuch mit beiden Händen verschiedene Saiten zu zupfen, war gelungen. Weitere Versuche, mit denen ich herausfinden wollte, ob es auch möglich ist, Intervalle wie Terzen, Quarten, Quinten bis Oktaven und darüber hinaus unter den Saiten zu erkennen und in unterschiedlicher Folge zu zupfen, waren ebenso positiv.

Mir war angesichts der Zustimmung und Begeisterung meines lieben Andi klar, daß dies eine geniale Sache war und uns neue Möglichkeiten eröffnen würde. Es wurde mir aber auch immer mehr bewußt: Dieses Instrument setzt uns Grenzen. Wir brauchen für diese neuen Erkenntnisse ein anderes Instrument. Dabei dachte ich überhaupt nicht daran, selbst ein Instrument zu bauen. Es folgte eine fieberhafte Suche nach einem geeigneten Instrument. Das Hackbrett, das ich bei Familie Schindelin in Würzburg angeschaut habe wäre fast geeignet gewesen. Bevor ich ein gebrauchtes kaufen wollte, habe ich mich in einem kleinen Nebenraum des Musikladens mit Notenschreiben für dieses Hackbrett versucht und leider festgestellt, daß es nicht möglich war.

Immer wieder kam mir auch die klassische Konzert-Harfe in den Sinn, der Klang war in dieser Zeit allmorgendlich als Erkennungsmelodie für das geistliche Wort im Südfunk Stuttgart zu hören.

Nicht nur der Preis für dieses Instrument, auch die Nachteile und Problematik dieser Harfe, soweit sie mir damals bekannt waren, haben mich von dem Gedanken abgebracht, eine solche für uns anzuschaffen und umzubauen, das heißt hinter den Saiten eine Blatthalterung anzubringen und letztlich das Instrument in eine für unser System spielbare Position zu bringen.
Genau in dieser Phase habe ich anläßlich eines Konzertes einen Cembalobauer kennengelernt. Dieser hat sich bereit erklärt, mir beim Bau eines Instrumentes nach meinen Vorstellungen zu helfen. Den Korpus hatte ich mit Hilfe meines Schreiners schnell gebaut. Das Besaiten bei dem Cembalobauer hat monatelang gedauert.
Besonders das Klangerlebnis war so enttäuschend, daß ich viele Versuche mit anderen Saiten machte, die ich auf diesem Instrument öfter auswechselte.

Diese Saiten kaufte ich in Musikläden. Endlich entdeckte ich auf einer Saitenhülle die Adresse einer Saitenspinnerei. Sofort habe ich dort angerufen und gefragt, ob ich Saiten für mein Instrument haben könne. Die Antwort der redegewandten Dame war: "Ja, Sie müssen uns nur den Ton angeben, die Mensur und die Spannung in Kilogramm". Daß die Mensur die freischwingende Länge der Saite ist, habe ich erst beim zweiten Anruf dort herausbekommen.

Am 31. August 1987 bestellte ich einen dreichörigen Satz Hackbrett-Saiten und besaitete damit meine nächsten drei Tischharfen. Weil ich die Hackbrettmensur bei Familie Schindelin gemessen hatte und 96 Saiten (dreichörig - je Ton drei Saiten) bestellte, war der Erfolg so, daß mir beim Besaiten keine Saite gerissen ist. Der Klang war befriedigend.

Meine Experimente mit immer wieder anderen, neu gebauten Instrumenten, die ich Andreas zum Probieren gab, wurden zuerst gar nicht ohne weiteres von ihm angenommen. Es bedurfte überlegter Vorbereitungen, um für das "Neue" Begeisterung zu wecken. So ließ ich Andi am Bau mitarbeiten und erklärte ihm alles. Auch bei anderen Behinderten konnte ich mitunter feststellen, daß das erste mühsam erlernte und angenommene Instrument nicht leicht gegen ein anderes unbekanntes getauscht wird, zu dem noch keine Beziehung aufgebaut ist. In dieser entscheidenden Phase, als ich Andreas wieder behutsam von seiner mit Begeisterung angenommenen Akkordzither wegfuhren mußte, habe ich darüber nachgedacht, ob dies sinnvoll und verantwortbar gegenüber Andreas, gegenüber anderen Behinderten, die ich mittlerweile immer mehr sah, auch gegenüber dem Hersteller der Akkordzither oder ähnlich unbekannter Instrumente in Marktneukirchen in der damaligen DDR oder anderswo. Es war auch nicht auszuschließen, daß es irgendwo ein ähnliches oder sogar besseres Instrument gab, als ich es bauen wollte.

Es war mir nicht bewußt und nicht meine Absicht, mit dem Umweg Hackbrett ein chromatisches Instrument zu schaffen, mit dem man jetzt so genial transportieren kann. Durch die jetzt im Gegensatz zum Hackbrett segmentelle, vertikale Anordnung der Saiten ergab sich dies und wurde erst später erkannt und als erstes von Hans Meister, Sonderschullehrer in Herzogenaurach, bestätigt.

Es folgte eine Zeit des Probierens und Erprobens. Noten wurden umgesetzt, immer wieder neue Lieder und Melodien, wie sie uns bekannt waren. Manche Stücke wurden von mir zehn Mal geschrieben,

immer wieder besser und leichter spielbar und mögfichst gut klingend. Dazu mußte ich oft aus mehreren Notenbüchern den günstigsten Satz heraussuchen. An dieser Stelle möchte ich darstellen, was uns vom Ausgangspunkt Akkordzither vorangebracht hat.

  1. Der größere Saitenabstand, folglich ein größeres Unterlegblatt und ein deutlicheres Notenbild.
  2. Das Weglegen des Zitherringes und Zupfen mit den Fingern.
  3. Das Verwenden der linken Hand für zweistimmiges Zupfen.
  4. Punkt 3. erschließt die Möglichkeit, die linke Hand für flotteres einstimmiges Spie( miteinzubeziehen.
  5. Das Notenschreiben für die Möglichkeiten und Bedürfnisse der Spieler, auch das Auswählen der Lieder, möglichst bekannte, gewünschte, die dem Temperament und sonstigen zu berücksichtigen den Gegebenheiten am nächsten kamen.
  6. Fürsorgliche Unterstützung beim häuslichen Musizieren, mit Singen, mit Spielen, Einbeziehen, Zuhören, Beachten, Anerkennen und Vorspielen lassen.
  7. Das Instrument wurde von der auf dem Tisch liegenden Stellung weggenommen, in besser einsehbare und zugreifbare Stellungen bis hin zurfreien Beweglichkeit im Stehen und Gehen.
  8. Das zwar einfache Instrument Akkordzither wurde aufgeteilt in vier verschiedene, in kritischen Punkten weiter vereinfachte Instrumente, dann inacht Hände gegeben. Das ergibt eine musizierende Gruppe, von der ich lange träumte. Ich trage die Vision weiter mit mir herum, daß es dann möglich werden müßte, daß da und dort auch andere Musiker mit uns spielen werden.
  9. Die von mir anfangs nicht erkannten Punkte, wie Stimmgeräte (ich baute 1 Jahr Harfen, ohne zu wissen, daß es Stimmgeräte gibt, konnte mirauch nicht vorstellen, wie diese funktionieren sollten), Kopiergeräte und das große Interesse von Nichtbehinderten haben ebenfalls dazu beigetragen, mein Anliegen, ein Saiteninstrument fürbehinderte Menschen und das Musizieren mit ihnen, gut voranzubringen.
Dem häuslichen Musizieren folgten Auftritte bei Freunden, zu Geburtstagen, bei Weihnachtsfeiern, in Gottesdiensten und zu anderen Gelegenheiten. Wenn wir uns auch oft selbst einladen mußten und das Ganze als "Vorspielen dürfen" empfunden haben, waren wir dankbar und froh über die Aufmerksamkeit und manches gut gemeinte Wort.

Die erste Veeh-Harfen-Gruppe

Vom 10. September 1990 an war Andreas Mitarbeiter der Mainfränkischen Werkstätten für Behinderte in Ochsenfurt. Dort lernte Andreas neue Freunde kennen. Einige interessierten sich für unsere Harfen, die mittlerweile aus der Serienanfertigung der Behinderten-Werkstätten erhältlich waren. Harfen wurden gekauft, und man war bereit, mit uns gemeinsam zu spielen. Die Unterstützung der Eltern war gegeben. Jetzt endlich konnte ich auch mit anderen behinderten Menschen in der Gruppe musizieren, so wie ich dies erträumt hatte. Es war also doch möglich - das Gemeinsame, das Aufeinanderhören und Rücksichtnehmen war viel sensibler, als ich dachte. Jetzt konnten wir vierstimmig spielen, auch viel besser, als ich dachte. Bei vielen Proben und einigen öffentlichen Auftritten hat sich gezeigt, daß jeder meiner Harfenspieler auch das Instrument und die Stimme des anderen spielen konnte. Die erste vierstimmige Harfengruppe existierte.

Hermann Veeh (mit Hut) mit einer Gruppe von Veeh-Harfen-Spielern, darunter auch rechtssein Sohn Andreas (28 876 Bytes)

Nun hat sich mir von neuem der Gedanke aufgedrängt, doch wieder an einem kleineren, leichteren, handlicheren Instrument weiterzuarbeiten, um beweglicher zu sein, um die Gruppe unter günstigeren Bedingungen wachsen zu lassen, um nicht immer an einem Tisch, unter eine bestimmte Lichtquelle, gebunden zu sein.

Baukurse für die Veeh-Harfe

Ein weiterer Grundgedanke für dieses kleine instrument war, Baukurse, Workshops anbieten zu können für Mitarbeiter an Schulen und in Behinderten-Einrichtungen, vorallem aber - und dies war der Gedanke von Prof. Dr. Spindler - bei Studenten.

Wir haben erkannt, daß viele Mitarbeiter nur geringe Musikvorkenntnisse haben und folglich gerade ein Saiteninstrument nicht gerne zur Hand nehmen, das gestimmt werden muß, bei dem eine Saite reißen kann und zu dem obendrein ein diffuses Notensystem gehört. Die erfolgreichen Baukurse sind eine Bestätigung für die Richtigkeit dieser Arbeit.

(aus Hermann Veeh, Schläft ein Lied in allen Dingen . . . , Zehn Jahre Veeh-Harfe, Juli 1997)


Die Veeh-Harfe Die Veeh Harfe ist eine Weiterentwicklung alter bekannter Saitenzupfinstrumente mit Unterlegblatt. Sie besticht durch ihren hervorragenden Klang, eine elegante Form und nicht zuletzt durch die einfache Handhabung. Das Spielen der Veeh - Harfe ist leicht zu erlernen, so daß Kinder oder auch Erwachsene, die nie Gelegenheit hatten ein Instrument zu erlernen, rasch zu hörenswerten Ergebnissen gelangen.

Gut zu erkennen, wie die Veeh-Harfe ohne Notenkenntnisse gespielt werden kann! (22 181 Bytes)

Notenkenntnisse im herkömmlichen Sinn sind nicht erforderlich. Für das Instrument wurde eigens eine einfache und deutliche Notenschrift entwickelt. Zwischen Saiten und Instrumentoberfläche wird ein Notenblatt geschoben. Durch Anzupfen der Saiten in der vom Notenblatt vorgegebenen Reihenfolge ergibt sich die ein- oder zweistimmige Melodie. Die entsprechenden Notenblätter kann man sich nach etwas Übung und entsprechenden Notenkenntnissen individuell herstellen.

Ursprünglich wurde die Veeh - Harfe für geistig Behinderte entwickelt. Für behinderte Menschen öffnet sich so ein Bereich, zu dem sie bisher kaum Zugang hatten. Gemeinsames Musizieren mit Behinderten wird so möglich. Die integrative Komponente des Instrumentes ist besonderes Merkmal und Stärke zugleich.

Unterdessen findet die Veeh - Harfe immer mehr Freunde bei 'Nichtbehinderten' in Familien, Kindergärten, Schulen, Senioreneinrichtungen usw.

Auch bei der Herstellung der Harfen legen wir großen Wert auf die Beteiligung Behinderter. Die Instrumente werden in Zusammenarbeit mit Werkstätten für Behinderte bzw. von WfB's gefertigt.



Nähere Informationen zur Veeh-Harfe erhalten Sie direkt in der Werkstatt,
in der die Harfen hergestellt werden

Hermann Veeh GmbH & Co.KG
Ochsenfurter Str. 32b
97258 Gülchsheim
0 93 35 -  99 71 952
oder  übers Internet:   www.veeh-harfe.de 


Wenn Sie etwas Geduld haben, können Sie die Veeh-Harfe dort sogar hören.